Man hat ja üblicherweise, so als normaler Mensch mit durchschnittlicher Reisetätigkeit sehr viele blinde Flecken auf der Landkarte des eigenen Landes. Es hängt natürlich auch von der Größe des Landes ab, ich beziehe mich jetzt auf Deutschland, weil ich da nun mal lebe.
Ortsnamen kenne ich viele, meistens habe ich noch eine grobe Vorstellung, wo etwas ist¹, gelegentlich habe ich eine grobe Idee, wie es da aussieht, und ganz eventuell war ich schon mal da. Hier eine komplett unvollständige Liste von Städten, in denen ich noch nicht war, von denen ich aber weiß, dass es sie gibt: Bremen, Braunschweig, Bamberg, Flensburg, Wiesbaden, Magdeburg, Rostock, Ingolstadt, Osnabrück, Karlsruhe, Schweinfurt, Mannheim, Jena, Wetzlar, Ulm, Chemnitz, Emden, Gütersloh, Wolfsburg, Erlangen, Tauberbischofsheim, Fürth, Dessau. Es gibt noch sehr viel mehr Städte, in denen ich noch nicht war, es gibt auch sehr viele Städte, ich denen ich mich physisch bereits aufgehalten habe, zum Beispiel, weil ich kurz vor einem Bahnhof stand und „Aha, das ist also Offenburg“ dachte, aber nicht behaupten könnte, ich hätte irgendetwas von der Stadt selber mitbekommen. In anderen Städten habe ich Menschen besucht, aber nicht mehr gesehen als deren Wohnung und die unmittelbare Umgebung.
Einen dieser blinden Flecken haben wir letztes Wochenende entfernt. Am Wochenende war nämlich die deutsche Puzzlemeisterschaft 2026 und zwar in Pforzheim und deswegen waren wir in Pforzheim. Ich hatte vorher keine Ahnung von und dementsprechend keine Meinung zu Pforzheim. Pforzheim liegt in Baden-Württemberg, da unterstellt man ja schnell mal irgendwas mit Altstädten und genereller Hübschigkeit, aber sagen wir so, wenn man jetzt für den Duden ein Beispielbild für „pittoresk“ suchen würde, würde man da kein Bild von Pforzheim finden.
Pforzheim wirkt ein bisschen so, als hätten die Leute aus dem, was da war, das beste gemacht, nur war halt nicht so viel da. Das Hotel war direkt im Zentrum, mit Blick auf die Enz und irgendeine Art Wehr, das war schon mal ein Pluspunkt und man kann sich durchaus vorstellen, dass es da an schönen Sommertagen ganz gemütlich ist.
Ich bin ja auch sehr architekturtolerant, für mich muss es nicht immer Altstadt oder Gründerzeitviertel sein, ich erfreue mich durchaus auch an interessanten Mid Century-Gebäuden oder dem ein oder anderen Brutalismus, ich habe sogar einen besonderen Platz dafür in meinem Herzen. Mein Lieblingshaus ist Haus Schminke, ich würde jederzeit sofort einziehen, wenn es hier in der Gegend stünde, ich sehr viel mehr Geld hätte und das Haus kein Museum wäre. Mal abgesehen davon, dass ich aus Köln komme und nun wirklich Kummer gewöhnt bin, was eilig hochgezogene Wohngebäude angeht, weil die Leute ja irgendwo wohnen müssen.
Pforzheim also jetzt rein optisch nicht so überzeugend. Wahrscheinlich ist die Landschaft drumherum sehr toll, denn es ist ja nicht weit bis zum Schwarzwald, aber da waren wir ja nicht. Wahrscheinlich gibt es auch in Pforzheim „sehr schöne Ecken“, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es auch in Leverkusen „sehr schöne Ecken“ gibt, ich würde dennoch keine Reiseempfehlung für Leverkusen aussprechen.
Weil wir aber ja auch gerne etwas lernen und jetzt nun mal in Pforzheim waren, haben wir uns ein bisschen informiert. Relativ schnell merkt man, dass Schmuckherstellung dort irgendwie ein Ding ist. Es gibt ein Schmuckmuseum und Uhrenmanukfakturen und das scheint irgendeine Art Traditionsdings zu sein. Man muss jetzt nicht besonders bewandert zu sein, um zu merken, dass Schmuckherstellung auch irgendwie Metallverarbeitung ist und wenn man dann knapp hundert Jahre zurück geht, ist Metallverarbeitung halt Metallverarbeitung und wenn dann Krieg ist, wird das Metall eben anders verarbeitet und dann ist so eine Stadt auf einmal sehr interessant für alle Kriegsbeteiligten.
Jedenfalls stellt sich raus, dass die Stadt im Februar 1945 bei einem Luftangriff fast völlig zerstört wurde, bei einem Angriff, der nach Opferzahlen als der drittstärkste Angriff der Alliierten im zweiten Weltkrieg gilt und während Hamburg und Dresden einem in dieser traurigen Statistik ein Begriff sind, fällt Pforzheim auf dem dritten Platz da irgendwie unter den Tisch. So, jetzt wissen wir das alle, haben wir wieder was gelernt und dann ist es eben genau wie in Köln, irgendwo müssen die Leute ja wohnen, also wird gebaut und weil es schnell gehen muss und man wirklich andere Sorgen hat, sind die Häuser eher funktional als schön und dann läuft man als Kölner oder Pforzheimer Jahrzehnte später rum und sagt „Ja, ich weiß, schön ist es nicht, aber die Menschen sind wirklich sehr nett.“
Die Pforzheimer sind wirklich sehr nett, das möchte ich hier ausdrücklich sagen. Im Sommer ist es am Fluss bestimmt sehr schön und wenn man will, kann man ja in die Natur fahren oder nach Karlsruhe oder so. Da war ich zum Beispiel noch nicht. Vielleicht bald irgendwann.
¹Zu meiner großen Überraschung und beitragend zu anhaltender Verwirrung liegt Xanten allerdings gar nicht in Bayern, sondern in NRW. Und Büttelborn liegt weder in Niedersachsen noch in Schleswig-Holstein, sondern in Hessen. Beides halte ich für falsch und dringend zu korrigieren.





